Tobias' neue Schritte ins Leben
aus dem Vogtland-Anzeiger vom 30.12.2011
Jugendliche ziehen gewöhnlich alleine los. Auch den anstehenden Silvesterabend wollen sie bevorzugt mit gleichaltrigen Freunden verbringen. Das ist nicht bei jedem so. Margit Wanka kennt die Sorgen und Probleme genau. Ihr 17-jähriger Sohn Tobias ist geistig behindert.
Die Elterninitiative Hilfe für Behinderte und ihre Familien im Vogtland setzt an dieser Stelle an. Familie Wanka wohnt in Klingenthal. »Tobias ist ein sehr lebenslustiger geselliger Mensch, der wie jeder normale 17-Jährige die Abwechslung liebt«, erzählt die Mutter. Der Sohn einer Angestellten aus Plauen kann nicht sprechen, er äußert sich einzig durch Gesten und Laute. »17-Jährige ziehen gewöhnlich alleine los, Tobias muss aber ständig beaufsichtigt werden«, fasst Margit Wanka die Situation zusammen. Er ist ein sehr aktiver junger Mann, der sich manchmal zu Hause langweilt, denn ständig Action können die berufstätigen Eltern ihm nicht bieten. »Wir merkten immer mehr, dass wir uns etwas einfallen lassen mussten.«
Mittlerweile strahlen die Augen des jungen Mannes, wenn es heißt, es geht in die Elterninitiative. Er beginnt zu singen und vollführt Tanzbewegungen, um so seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Doch der Weg dorthin war nicht einfach. Im vergangenen Sommer stieß die Familie auf die Plauener Elterninitiative Hilfe für Behinderte und ihre Familien im Vogtland. Eine Mutter aus Tobias' Förderschule in Auerbach gab ihr den Tipp. »Es hat uns sehr viel Überwindung gekostet, unseren Sohn in die Obhut Fremder zu geben«, gesteht sie ein. Doch das erste Gespräch mit dem Verein ließ die Zweifel schnell verfliegen. »Ich war sofort begeistert. Man verstand unsere besondere Lage. Ich merkte, dass hier alle Wünsche und Vorstellungen von Behinderten und Eltern zusammenpassen«, schwärmt die lebenslustige Frau.
Mit der Zeit steigerten Tobias' Eltern die Aufenthalte im Familienentlastenden Dienst des Vereins langsam. Nach anfänglichen Tagesaufenthalten kam die erste Übernachtung ohne Eltern in der Rilkestraße. »Dass Tobias dort übernachten soll, haben wir ihm schon erzählt, aber so richtig begriffen hat er das im Voraus nicht. Wir haben dann beim Abschied gesagt, dass wir ihn morgen wieder abholen.« Die erste Nacht wurde zur Katastrophe. »Ich wusste nicht, wem im Nachhinein mehr Mitleid zukam, unserem Sohn oder dem Betreuer im Nachtdienst«, erinnert sich die Mutter. Ganze 18 Mal sei Tobias aufgestanden und habe nur knapp 4 Stunden geschlafen. Die Betreuer der Elterninitiative haben der Familie ganz einfühlsam Mut zugesprochen, nicht aufzugeben.
Familie Wanka hielt durch. »Tobias gefällt es sehr in der Elterninitiative. Er ist jedes Mal glücklich, wenn wir ihn abholen und möchte am liebsten mit uns dort bleiben.« Rund 300 Familien im Vogtland nutzen die praktische Lebenshilfe des Vereins. »Bei Eltern mit behinderten Kindern ist der Trennungsschmerz oft größer«, weiß Petra Roth, Geschäftsführerin der Elterninitiative zu berichten. »Ein Ziel unseres Vereins ist es, durch Beratungsgespräche das Vertrauen der Eltern zu gewinnen.« So wissen betroffene Familien ihre behinderten Angehörigen in guten Händen und können selbst einmal Kraft sammeln. Für Familie Wanka ist diese Art der Entlastung ein großes Geschenk.
Noch bis zum 24.01.2012 zeigt eine Ausstellung im Foyer des Plauener Rathauses die 20jährige Geschichte des Vereins.
17 Schautafeln informieren über die Vereinsarbeit. Mit zwölf Urlaubsfahrten pro Jahr bietet der Verein auch die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen behinderten Menschen zusammenzukommen.
Auch Tobias nimmt im nächsten Jahr an einer der begehrten Reisen teil. Im so genannten Schnupperurlaub werden besonders Familien angesprochen, deren behinderte Angehörige noch nie über längere Zeit vom Elternhaus getrennt waren. »Alle bereiten sich auf dieses Ereignis besonders gut vor. Die Betreuer kommen sogar vorher noch einmal zu uns nach Hause, um alles Wichtige abzusprechen. Uns als besorgten Eltern werden dadurch die Ängste genommen«, blickt Margit Wanka erleichtert voraus.
Für ihren Mann und sie bedeuten die Fahrt ihres Sohnes einen weiteren Schritt des Loslassens. Beide wissen, dass ihr Sohn ausgeglichen und fröhlich zurück kommen wird.
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